«Es gibt Tage, an denen ich meine Krankheit fast vergesse»

Freitag, 29. Mai 2020, 10:44 Uhr

MS-Patienten, die regelmässig zur Infusionstherapie ins Inselspital kommen, schätzen das gut eingespielte Team an Pflegefachpersonen und bringen diesen ein hohes Mass an Vertrauen entgegen.

Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Es handelt sich um eine chronische autoimmun-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark wird durch das körpereigene Immunsystem angegriffen und beschädigt. Dadurch können Muskeln nicht mehr richtig koordiniert oder Sinnessignale nicht korrekt weitergegeben werden. Es kann zu Lähmungserscheinungen, Seh- oder Sprachstörungen kommen. In der Schweiz sind bis zu 15'000 Personen von der Erkrankung betroffen. Mit der richtigen Behandlung können die Entzündungsschübe in Schach gehalten und das Fortschreiten der neurologischen Erkrankung gebremst werden.

Infusionstherapie statt Medikamente
Betroffen ist auch Davide. Er wurde im Frühling 2019, im Alter von 35 Jahren, mit der Diagnose ‘Multiple Sklerose’ konfrontiert. Seither kommt er alle 6 Monate zu einer Infusionstherapie in die neurologische Tagesklinik FANI (Fast Track Ambulante Neurologische Infusionstherapien). Heute ist er zum dritten Mal da. «Am Anfang war ich sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet», erzählt er von seiner ersten Behandlung. «Heute bin ich ganz gelassen. Das Umfeld hier ist mir vertraut und ich weiss, dass ich hier gut aufgehoben bin». Die Behandlung schlägt bei Davide gut an und er verspürt kaum Nebenwirkungen. «Einige Tage nach der Infusion bin ich einfach sehr müde und muss mich etwas schonen. Gleich am nächsten Tag den Rasen zu mähen, wie ich das nach der ersten Behandlung gemacht habe, ist eine schlechte Idee.» Ohne tägliche Medikamenten-Einnahme hätten sich alle initialen 12 Entzündungsherde «beruhigt» und es seien keine neuen hinzugekommen. Die Therapieform ermögliche ihm einen mehr oder weniger sorgenfreien Alltag. «Es gibt Tage, an denen ich meine Krankheit fast vergesse. Das wäre sicher anders, wenn ich täglich Medikamente nehmen müsste.»

Ein eingespieltes Team betreut gut informierte Patienten
Betreut wird Davide heute von der Pflegefachfrau Barbara Lehmann. Sie ist zuständig für das Verabreichen der Infusion und für die Überwachung während und danach. Zum Glück passiere dies sehr selten, aber Nebenwirkungen z.B. ein Blutdruckabfall seien möglich, erklärt sie. In diesem Fall müsse man schnell reagieren – sie seien aber ein eingespieltes Team und die zuständigen Ärzte direkt vor Ort. Die meisten Probleme könne sie direkt mit den Patienten lösen. Barbara Lehmann geniesst das grosse Spektrum und die unterschiedlichen Anforderungen ihrer Arbeit. Über ihren Einsatz auf der Tagesklinik sagt sie: «Das Schöne hier ist, dass die Patientinnen und Patienten über Jahre zu uns in Behandlung kommen und wir dadurch eine enge Beziehung zu den Menschen aufbauen können. Manchmal erzählen sie uns sogar von Dingen, die sie den Ärzten gegenüber lieber verschweigen.» Ihre Kollegin, Mirjam Wyss beeindruckt ausserdem, wie gut MS-Patientinnen und Patienten über ihre Krankheit Bescheid wissen: «Wir behandeln hier chronisch kranke Patienten, die sich selber sehr gut kennen und viel Erfahrung mit ihrer Krankheit haben. Sie sind bestens informiert und stellen uns sehr gezielte Fragen.»

Gegenseitiges Vertrauen
Wenn man sich den vielfältigen Alltag in der neurologischen Tagesklinik anschaut, widerspiegelt sich auch die stetig wachsende Therapielandschaft der Multiplen Sklerose. Es werden MS-Patientinnen- und Patienten mit unterschiedlichsten Therapien behandelt. Viele sind selbständig und stehen, wie Davide, mitten im Leben. Die Atmosphäre ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen und auch Scherze liegen durchaus drin. Das perfekt eingespielte und professionelle Team an Pflegefachpersonen trägt einen wesentlichen Beitrag dazu bei, ist sich Davide sicher. Er muss es wissen, denn er selbst arbeitet ebenfalls als Pflegefachmann auf einer Kriseninterventions-Station.